Das Büro für die Nutzung von Fehlern und Zufällen

Fehler für mehr nutzen als aus ihnen zu lernen? Zufälle als Impulse für Kreativität nehmen? Zertifikate für eigene Fehler und erlebte Zufälle? Egal, ob Sie auf diese Webseite absichtlich, durch einen Klickfehler oder per Zufall geraten sind – nutzen Sie die Chance und lesen Sie hier ein Gespräch über Erwartung und Wirklichkeit, Fehler- und Zufallskultur, Effizienz und Exploration, Blattgold und Stempel, Serendipität und Ideenmanagement.

Fehler auch anders nutzen als aus ihnen zu lernen

Hartmut Neckel: Daniel, Ihr betreibt zu viert das Büro für die Nutzung von Fehlern und Zufällen. Warum und wozu?

Daniel Hoernemann: Als Künstlerinnen und Künstler interessiert uns alles, was mit Kreativität zu tun hat. Und Fehler und Zufälle bieten wunderbare Anlässe, kreativ zu werden. Mit dem Büro wollen wir Menschen und Organisationen zu einem Umgang mit Fehlern und Zufällen einladen, der mehr Kreativität und Lebendigkeit freisetzt als die übliche Reaktion darauf.

HN: Die übliche Reaktion auf einen Fehler ist ja, dass man sich über ihn ärgert. Meistens will man ihn dann beseitigen. Üblich dürfte auch noch sein, dass man aus dem Fehler lernen will – nämlich, wie man ihn in Zukunft vermeiden kann. Viele Unternehmen nutzen dafür entsprechende Methoden, etwa zur Fehler-Ursachen-Analyse usw. Ist Euer Büro eine neue Kreativitätstechnik, um auf Ideen zur Fehlervermeidung zu kommen?

DH: Die Wirkung des Büros kann zwar darin bestehen, dass es Menschen erleichtert, Lösungen zur Fehlervermeidung zu entwickeln. Aber der Fokus liegt nicht auf der Vermeidung, sondern auf der Nutzung von Fehlern und Zufällen.

HN: Bevor ich gleich frage, ob man Fehler denn noch anders nutzen kann, als zu lernen, wie man sie zukünftig vermeidet, sollten wir vielleicht erst klären, über welche Fehler wir überhaupt reden.

Abbildung 1

DH: Guter Punkt. Es geht um eigene Fehler oder selbst erlebte Zufälle, die wir von den Menschen erzählt bekommen, die das Büro besuchen. Diese Erzählung greifen wir als Ausgangsmaterial für einen spielerischen und inspirierenden Prozess auf, in den wir gemeinsam mit der jeweiligen Person eintreten.

Dabei betrachten wir den Fehler oder Zufall ohne die übliche Wertung. Also ohne die Haltung, dass Fehler immer negativ sind; Zufälle entweder störend – und damit ebenfalls negativ – oder glücklich sind. Stattdessen zerlegen wir den Fehler oder Zufall mit Neugier, Entdeckerfreude und Humor in seine Bestandteile, mischen die Teile auf, und spüren den Möglichkeiten für Neues nach: neue Offenheit, Sichtweisen, Verständnis.

Um auf Deine noch nicht gestellte Frage zu antworten: Genau das ist auch die andere Nutzung des Fehlers, als zu lernen, wie man ihn vermeidet. Anstatt gleich in Richtung Korrektur und zukünftiger Vermeidung loszulegen, lassen wir die Lücke zwischen Erwartung und Wirklichkeit erst einmal offen. Und nutzen ihn als Raum für neue Wahrnehmungen, Begegnungen oder Ideen – ähnlich einem Atelier. Die Nutzung geht also sehr viel weiter oder tiefer als „nur“ die Vermeidung zu lernen.

Die Lücke zwischen Erwartung und Wirklichkeit

HN: Was meinst Du mit „Lücke zwischen Erwartung und Wirklichkeit“?

DH: Damit Du etwas als Fehler einordnest, musstest Du eine Erwartung haben, wie es „richtig“ gewesen wäre. Wenn die Wirklichkeit dann anders wird, nennst Du das einen Fehler. Beim Zufall ist es ähnlich. Auch da hast Du einen Plan oder eine Erwartung, wie sich die Wirklichkeit entwickeln wird. Kommt es dann anders, schreibst Du das einem Zufall zu. In beiden Fällen wirst Du mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die von Deiner vorherigen Erwartung abweicht.

HN: Bei Fehlern kann ich dem sofort folgen. Die Abweichung wird auch in einem Wikipedia-Artikel zu „Fehlern“ ausdrücklich benannt. Etwas vereinfachend zitiert, heißt es dort: „Ein Fehler ist eine Abweichung von einer Erwartung, die vorausgesetzt wurde.“

Auch bei Zufällen ist klar, dass sie überraschend sind, sonst würde man kaum von „Zufall“ sprechen. Aber oft werden Zufallsereignisse auch absichtlich herbeigeführt – und damit erwartet. Beim Würfeln etwa ist man nur noch vom Ergebnis überrascht, aber nicht davon, dass sich ein Zufall ereignet hat.

Abbildung 2

DH: Sicher, manche Zufälle lassen sich aktiv herbeiführen. Und dann muss man schauen, was man mit der Wirklichkeit macht, die einem der Zufall beschert hat. In der Kunst haben zum Beispiel Jackson Pollock oder Niki de Saint Phalle ganz bewusst den Zufall in die Schaffensprozesse ihrer Werke eingebaut. Dann konnten sie entscheiden, ob sie das Ergebnis akzeptieren oder verwerfen. Bei Deinem Beispiel kannst Du zwar keine Erwartungen haben, dass sich beim Würfeln eine bestimmte Zahl ergibt (höchstens Hoffnungen), aber das Ergebnis, die Wirklichkeit ist in jedem Fall unvorhergesehen und in diesem Sinne unerwartet.

Ansonsten kommen viele Zufallsereignisse ohne aktives Zutun; wir sind schon von ihrem Auftreten an sich überrascht – wie gesagt: manchmal positiv, manchmal negativ. Und wenn negativ, dann sind die üblichen Reaktionen denen auf Fehler meist sehr ähnlich: Man versucht, störende Zufälle in Zukunft auszuschließen, legt sich Scheuklappen zu, oder was auch immer.

Übrigens unterscheiden sich diese „zufälligen Zufallsereignisse“ in einem Punkt deutlich von Fehlern. Es ist nämlich gar nicht so selbstverständlich, dass sie überhaupt bemerkt werden. Beim Fehler hast Du eine Erwartung, wie es sein soll. Kommt es dann anders, merkst Du die Abweichung. Aber Du hast keine Erwartung, wann der nächste Zufall eintritt. Du verfolgst irgendeinen Plan und Deine Aufmerksamkeit ist darauf gerichtet, was Dich dabei voranbringt. Und dann kann es leicht geschehen, dass Du Zufälle übersiehst, weil das „Beuteschema“ Deiner bewussten Aufmerksamkeit nicht auf das gerichtet ist, was zufällig passiert. Dadurch verpasst Du unter Umständen Chancen, die sich zufällig ergeben. Man braucht also nicht nur eine „Fehlerkultur“, sondern auch eine „Zufallskultur“.

Serendipität und Zufallskultur

HN: Das entspricht doch ziemlich genau dem Prinzip der „Serendipität“. Wie bei Wikipedia beschrieben, bezeichnet es die Fähigkeit, in unerwarteten Beobachtungen die Chancen zu erkennen und positiv für sich zu nutzen. Das erfordert nicht nur Offenheit und Achtsamkeit, um die zufälligen Geschehnisse bewusst wahrzunehmen, sondern auch intelligente Schlussfolgerungen und daraus resultierende Handlungen, um aus den Zufallsfunden neue und wertvolle Ergebnisse zu machen.

Abbildung 3

DH: Mit der Offenheit und Achtsamkeit für unerwartete Zufälle hat Serendipität wichtige Facetten von dem, um was es uns geht. Auch damit, Zufälle nicht als Störungen zu erleben, sondern als Chancen. Aber dann liegt der Fokus sehr schnell darauf, wie die überraschenden Wahrnehmungen zu einem Ergebnis in der Wirklichkeit umgesetzt werden können. Wir wollen dagegen erst einmal die Lücke zwischen Erwartung und Wirklichkeit offenlassen – als Raum, in dem sich Kreativität entfalten kann.

Der Zustand, in dem ich noch nicht weiß, wohin und wie es weitergeht, ist zwar manchmal schwer auszuhalten. Aber abwarten und beobachten zu können, was sich daraus entwickelt, ist die Ausgangsbasis, damit in künstlerischen und letztlich allen kreativen Prozessen etwas wirklich Neues entsteht.

An der Stelle komme ich nochmal auf die aktiv herbeigeführten Zufälle zurück. Denn die haben bereits durch die Art ihrer Entstehung einen spielerischen oder künstlerischen Kontext. Im Büro für die Nutzung von Fehlern und Zufällen regen wir dazu an, mit Fehlern und störenden Zufällen ebenso spielerisch – und wenn Du willst: künstlerisch – umzugehen.

HN: Ok, und der spielerische Umgang im offengelassenen Raum zwischen Erwartung und Wirklichkeit bietet Möglichkeiten für Kreativität und Neues. Dieses „Neue“ muss dann doch eine andere Qualität haben, als die neuen Lösungen, die ich mir einfallen lassen könnte, um eine Wiederholung eines Fehlers oder eines störenden Zufalls zu verhindern?

Offenheit statt schneller Korrektur, Exploration statt bloßer Optimierung

DH: Neue Lösungen zur Vermeidung von Fehlern oder Störungen bewirken lediglich, dass die Wirklichkeit in der Zukunft besser meinen Erwartungen entspricht. Das ist natürlich in vielen Situationen sehr wichtig: Produktionsprozesse sollen stabil und effizient ablaufen; wenn ich in ein Flugzeug steige oder mich auf einen OP-Tisch lege, erwarte ich, dass alles nach Plan läuft. Du hast auf die Methoden für einen entsprechenden Umgang mit Fehlern schon hingewiesen.

Im Büro für die Nutzung von Fehlern und Zufällen starten wir zwar mit konkreten individuellen Fehlern und Zufällen, wirken damit aber gleichzeitig auf Fehler- und Zufallskultur, Arbeitsatmosphäre und Qualitäten wie Offenheit und Lebendigkeit. Es geht darum, Fehler als mögliche Startpunkt neuer Wege zu betrachten, und nicht bei der Korrektur und Optimierung auf dem alten Weg stehen zu bleiben. Ziel ist nicht Effizienz, sondern kreative Exploration.

HN: Würdest Du dann sagen, das Büro ist gut für kreative Entwicklungsprozesse, während es für standardisierte Prozesse, in denen die Leistungen mit einer Null-Fehler-Strategie erbracht werden sollen, weniger geeignet ist?

DH: Nein und Ja. „Nein“, denn eine angstfreie Atmosphäre trägt natürlich dazu bei, dass Mitarbeitende weniger verkrampft sind und dann auch in standardisierten Prozessen weniger Fehler machen. Wenn man sich mit persönlichen Eigenheiten, die man als Fehler betrachtet, entspannt, kann man sich leichter von ihnen lösen.

HN: Kannst Du Beispiele für solche persönlichen „Fehler“ nennen, die für standardisierte Prozesse relevant sein können?

Abbildung 4

DH: Denke nur an Hitzköpfigkeit, Jähzorn, Unbeherrschtheit, Starrsinn, Leichtsinnigkeit, Unachtsamkeit, Gleichgültigkeit, Desinteresse, Egoismus, Bequemlichkeit, Unpünktlichkeit, Vergesslichkeit – reichts?

HN: Reicht, vielen Dank. Nun zum „Ja“.

DH: „Ja“, denn unser Fokus liegt nicht auf den technischen Aspekten einer Produktion oder sonstiger Prozesse. In unserem Fokus stehen die Menschen und zwischenmenschliche Prozesse. Die persönlichen „Fehler“ sind ja nicht nur individuelle Defizite, sondern oft auch Hinweise auf Beziehungen, Dynamiken oder strukturelle Probleme. Statt nur das Verhalten einzelner Personen zu korrigieren, ist die Frage, wie man gemeinsam neue Formen der Zusammenarbeit entwickeln kann. Letztlich geht es um Transformation.

Ein Büro mit Blattgold und Stempeln

HN: Wie muss ich mir das „Büro für die Nutzung von Fehlern und Zufällen“ eigentlich konkret vorstellen? Ist das ein Raum mit Schreibtisch und PC, findet das online statt, oder ist das einfach eine Bezeichnung für ein abstraktes Konzept, ohne dass es etwas zum Anfassen gibt?

Abbildung 5

DH: Ganz wesentlich besteht das Büro aus dem, was wir tun, wenn wir zum Beispiel in einem Unternehmen oder auf einer Veranstaltung anwesend sind: Wir nehmen wahr, hören zu, beobachten, sichten, sprechen, zeichnen, schreiben, fotografieren, installieren, bewegen, kleben, arrangieren. Oft bringen wir dafür kleine Möbel, zum Beispiel einen Schreibtisch, und verschiedene Gegenstände, zum Beispiel Schreibmaschinen, Stempel, Blattgold, Stifte, Farben und andere künstlerische Materialien mit. Mit all dem gestalten wir dann Zusammenkünfte, Atmosphären und Impulse. Wie unterschiedlich das sein kann, siehst Du in den Bildern, die ich mitgebracht habe (siehe Abbildungen). Noch mehr findest Du in der Bildfolge auf meiner Webseite.

HN: Du hattest mir mal erzählt, dass Ihr auch Zertifikate ausstellt. Was hat es damit auf sich?

DH: Stimmt! Zu Fehlern und Zufällen, die uns genannt werden, oder zu solchen, die uns bei einem Aufenthalt in einem Unternehmen oder auf einer Veranstaltung auffallen, entwickeln wir künstlerische Interventionen. Mögliche Artefakte, die dabei entstehen können, sind Zertifikate, mit denen ein Fehler oder Zufall zertifiziert und dann feierlich vorgelesen wird.

Abbildung 6

Zufälle und Ideenmanagement

HN: Für mich persönlich sind natürlich die Parallelen Eurer Aktivitäten zum Ideenmanagement besonders spannend. Auch im Ideenmanagement geht es um Kreativität. Ein wichtiger Aspekt ist dabei, wie die Ideen überhaupt entstehen, die dann vorgeschlagen werden. Meistens werden diese Ideen gar nicht aktiv gesucht, sondern sie entstehen, weil jemand „zufällig“ über etwas stolpert und dann darin – dank seiner Offenheit und Achtsamkeit – ein Verbesserungspotenzial erkennt. Oder etwas bleibt zwar einige Zeit von der bewussten Aufmerksamkeit unbemerkt, wird aber doch unbewusst wahrgenommen. Wie im Blogbeitrag „Neuroideenmanagement 4 – das Gehirn als Assoziationsmaschine“ beschrieben, reift die Idee dank der neurologischen Verarbeitungsprozesse dieser Wahrnehmungen – der „Arbeit des Unbewussten“ – bis sie irgendwann als Einfall bewusst wird.

Anstelle eines Zertifikats erhält der Einreicher dann einen Ergebnisbescheid. Wobei manche Unternehmen als Anerkennung für besonders gute Vorschläge auch Zertifikate ausstellen, die vom Vorstand oder Geschäftsführer feierlich überreicht werden.

DH: Und wie wäre es, wenn solche Ergebnisbescheide und Zertifikate nicht von der Stange, sondern individuell als künstlerische Artefakte gestaltet werden? Ich hätte da sofort ein paar Ideen …

HN: Das wäre mancherorts vielleicht erst ungewohnt. Nach dem Motto „The medium is the message“ wäre es aber sicher lohnend, wenn die Kommunikation des Ideenmanagements Kreativität zum Ausdruck bringt!

Ansonsten halte ich auch eine „Zufallskultur“ für das Ideenmanagement für äußerst wünschenswert. Während alle Welt davon spricht, wie wichtig eine „Fehlerkultur“ ist, ist eine „Zufallskultur“ so gut wie nirgends Thema. Doch weil für Fach- und Führungskräfte nicht vorhersehbar ist, wann und zu welchem Thema sie den nächsten Vorschlag zur Bearbeitung auf den Tisch bzw. PC-Bildschirm bekommen, empfinden sie die Ideen der Mitarbeiter oft als störendes und ärgerliches Zufallsereignis. Aus ihrer Sicht müssen sie sich ungeplant mit etwas auseinandersetzen, wonach sie gar nicht gefragt hatten und was vielleicht nur wenig mit ihren aktuellen Vorhaben zu tun hat. Eine starke „Zufallskultur“ würde helfen, die Aufmerksamkeit mehr auf die Chancen hinter den einzelnen Ideen und im Ideenmanagement insgesamt zu lenken.

DH: Wer in einer Zufallskultur trotzdem negativ auf neue Ideen reagiert, könnte ihre oder seine Abwehr dann als Fehler in das Büro für die Nutzung von Fehlern und Zufällen mitbringen. Auch dafür stellen wir gern Zertifikate aus …

HN: Ganz herzlichen Dank, Daniel, für dieses nicht ganz zufällig zustande gekommene Gespräch!

Links zu Themen dieses Blogbeitrags:

Ein nach Stichworten sortiertes Verzeichnis mit Links auf alle bisher erschienenen Beiträge im Blog zum Ideenmanagement finden Sie in diesem Register.

Alle Erwähnungen von Produkten und Unternehmen sind redaktioneller Natur und wurden nicht bezahlt.

Bildnachweise:

Daniel Hoernemann

Daniel Hoernemann (Walbrodt) sammelt als bildender Künstler an kunstfernen Orten viel Erfahrung in systemischen Prozessen. Mit den Gründungen von QNST und KommUNIKATion, der Produzentengalerie KUNSTGEWINN und der Firma Global Growing Consult GmbH begann er, seine Arbeit als bildender Künstler in unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft auf eine neue Art und Weise einzubringen. In den 1990er Jahren entwickelte er das Büro für die Nutzung von Fehlern und Zufällen als Kunstprojekt. Seine Kunst bewegt sich zwischen Aktion, Performance und transformativen Prozessen.

Dr. Hartmut Neckel

Dr. Hartmut Neckel ist einer der profiliertesten Vordenker und erfahrensten Praktiker im Themenbereich Ideenmanagement, Innovation und kontinuierliche Verbesserungsprozesse.

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